In den ersten Augustwochen 2014 habe ich eine Art „Praktikum“ als Fahrradmonteur gemacht. Und das kam so: Wir hatten einen Arbeitseinsatz im Dorf, gefühlt 150 bis 180 Menschen aus ganz Deutschland und der Schweiz haben uns besucht und geholfen, die Grünanlagen um Schule, Kita und Spielplatz auf Vordermann zu bringen. Kostenlos!

Wir als Dorf haben die Unterbringung (Zelte), Verpflegung (Dorfkrug) und Bespaßung (Kino, Musik, Tanz) organisiert. Und da diese Menschen zwischen den verschiedenen Orten ganz schön umherfahren mussten, haben wir als Dorf bzw. die Eltern der Kita- und Schulkinder Fahrräder zur Leihe angeboten. Schon Tage vor dem Event habe ich von Dorfbewohnern gespendete Leihräder auf Vordermann gebraucht, Plattfüße repariert, Ketten nachgespannt, Lagerspiele entfernt und alle Schrauben festgezogen. Ich rechnete so mit bis zu 25 Rädern, die gebraucht würden.

Im Endeffekt haben wir 63 verliehen! So groß war der Bedarf. Das war für mich praktisch ein Hobby-Vollzeitjob, ständig kamen neue Räder, die fit gemacht werden mussten.

Jedes Rad wurde von mir durchgesehen, bekam ein Schild und wurde von mir in eine Liste eingetragen. Ich war fast 2 Wochen beschäftigt, vor und während des Arbeitseinsatzes und danach. Aber unsere Leihräder und die mitgebrachten gingen immer wieder kaputt: Plattfüße, Ketten, Bremsen, Schaltungen … Da waren tlw. schlimme Gurken dabei, die ich irgendwie fahrfähig machen musste.

Was mir möglich war, habe ich schnellstens repariert. Dabei und bei der Durchsicht der Räder habe ich wertvolle Erfahrungen gesammelt:

  • in 80 % aller Fälle war die Schraube des Ständers locker (fast immer!)
  • in 30 % aller Fälle war das Vorderrad und in ca. 15 % aller Fälle das Hinterrad nicht gut genug befestigt
  • in 15 % aller Fälle mussten die Kurbeln nachgezogen werden
  • in 10 % aller Fälle war der Steuersatz lose
  • bei 25% aller Räder waren die Decken abgefahren bzw. spröde
  • viele Räder hatten Lagerspiel
  • bei den meisten Rädern stimmte der Luftdruck nicht (viel zu gering)
  • bei vielen Räder stimmte die Kettenspannung nicht
  • Die Ketten waren in aller Regel verschlissen (Rohloff-Kettenverschleißlehre), wurden in ganz schlimmen Fällen von mir ersetzt
  • Insgesamt habe ich mehr als 1/2 Liter Schmieröl verbraucht, denn das brauchten fast alle Räder!

Besonders aufwendig fand ich stets die Reparatur von Plattfüßen, trotzt meines wunderbaren Feedback-Profi-Reparaturständers, den ich mir im Vorfeld geleistet hatte. Das dauerte doch immer eine ganze Weile! Nicht immer hatte ich Ersatzschläuche, deshalb habe ich geflickt. Das klappte in 80 % aller Fälle super. 20 % aller Schläuche ließen sich allerdings nicht flicken, trotzt sorgfältigster Arbeit. Hier gab es sicher Probleme beim Vulkanisieren der Gummimischung.

Ich musste auch einige Ketten wechseln.

Jedenfalls hat es Spaß gemacht und ich bastle nun noch lieber an verschiedensten Rädern herum.

Es geht einfach nichts über „Erfahrung“. Praxis ist mehr wert als alle Theorie. Und was noch wichtig ist: gutes Werkzeug.

 

8 Kommentare zu „Zwei Wochen »Praktikum« als Fahrradmonteur“

  • Thorsten says:

    Moin Johann,
    habe gerade mal wieder in deinem Blog vorbeigeschaut. Der Bericht über deinen Einsatz als Monteur gefällt mir sehr gut. Er macht Lust aufs Schrauben.
    Ich denke, dass deine Statistik wohl auf den Gesamtbestand der Fahrräder zutrifft. Die Alltagsradler werden da besseres Material haben, aber die fallen prozentual wohl nicht so auf. Oft sieht man Räder mit viel zu wenig Luft und rostrote quietschende Ketten! Das Material geht kaputt und es läuft auch einfach schwer. Da hat man Lust sich mit ner Pumpe und etwas Öl an die Straße zu stellen, da kann man an schönen Tagen vielen Leuten mit ganz einfachen Mitteln helfen mehr Spaß am Radeln zu haben.

    Grüße
    Thorsten

  • Benjamin says:

    Hallo Johann,

    das ist ein wirklich schöner Bericht und Daumen hoch für deinen Einsatz!

    Leider achten viele Leute nicht besonders auf ihre Fahrräder, so dass diese schnell kaputt gehen. Dabei kann man mit ein bisschen Pflege die Lebensdauer eines Fahrrades so einfach erhalten.

    Ich wünsche dir auch weiterhin noch viel Spaß beim Basteln!

    Gruß,
    Benjamin

  • Marv says:

    Hallo Johann,

    Der Artikel gefällt mir wirklich sehr gut und ich finde es toll, dass dir die Arbeit anscheinend großen Spaß gemacht hat. Ich selber bastel gerne an meinem Fahrrad und leider belegt deine Statistik ja auch, dass es viel zu wenig Leute gibt die sich Ihr Fahrrad mal genauer anschauen und vielleicht mal eine Schraube nachziehen.
    Toller Artikel und noch einen schönen Tag
    Marv

  • Stefan says:

    Was mich persönlich nach diesem Praktikumsbericht interessieren würde ist, ob der Beruf des Fahrradmonteur bzw. Zweiradmonteur für dich in Frage käme oder ob es zukünftig doch eher ein Hobby bleiben wird an Fahrrädern zu basteln!?

  • Robert Lange says:

    Hallo

    Ich kann mich den anderen nur anschließen aber um sein Fahrrad ordnungsgemäß zu warten benötigt man Zeit und Werkzeug 🙂

    Viele Grüße Robert

  • Hallo Johann-Christian,

    wenn eine Dorfgemeinschaft funktioniert ist das wirklich eine tolle Sache. Dann machen solche Einsätze wirklich Spaß. Ich finde es toll, dass es so viele Menschen wie Dich gibt, die einen solchen Einsatz mit Freude machen.

    Grüße,
    Anna

  • Patrick says:

    Hallo,
    hört sich echt nach einer tollen Erfahrung an.
    Und auch danke für das teilen deiner eigen erstellten Statistik 🙂

    Finde ehrenamtliche Arbeit immer toll und bei diesem Bericht bekommt man richtig Lust auch selbst mal bei so einem Projekt mitzumachen.

  • Christoph says:

    Hallo Johann,
    ein wirklich guter Blog den du da aufgezogen hast mach weiter ich komme auf alle Fälle nochmal vorbei.

    Beste Grüße

    http://fahrradontour.de

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