ADFC-Fahrrad-Stadtplan

ADFC-Fahrrad-Stadtplan

Vor ein paar Tagen war ich in Kreuzberg: mit Rad und S-Bahn. Auf dem Rückweg wollte ich die gesamte Strecke mit dem Rad fahren. Ob mir der schnell in einem Fahrradladen gekaufte »ADFC-Fahrrad-Stadtplan« Berlin dabei helfen konnte, meinen Weg zurück nach Grünau zu finden?

Soviel vorweg: er konnte. Trotzdem hält sich meine Begeisterung in Grenzen.


Karte aus dem Pietruska-Verlag

Die Karte stammt aus dem Pietruska-Verlag und nutzt die gleiche Projektion wie die Pläne des Verkehrsverbunds, beispielsweise der bekannte Berlin Atlas. Es gibt ein Straßenverzeichnis, ein Liniennetz des Regionalverkehrs und eine hoch aufgelöste Innenstadtkarte (1:15.000).

Der Plan ist offenbar schon etabliert. Es handelt sich immerhin um die 3. Auflage vom August 2008. Der Preis geht auch in Ordnung: 6,90 EUR. So weit, so gut.

Maßstab 1:30.000

Leider befanden sich weder Start (Südstern) noch Ziel (Grünau) meiner Route in der Innenstadt und so war ich auf die wesentlich niedriger aufgelöste “Gesamtkarte” angewiesen. Der Maßstab beträgt 1:30.000. Ein Kilometer in der Natur sind ca. 3,3 Zentimeter auf der Karte. Das ist ziemlich fipsig. Vor allem, wenn da noch die speziellen Kennzeichnungen für Radfahrer hinzukommen.

Straßen unterschieden nach Eignung für Radfahrer

Der Plan unterscheidet die Straßen nach Eignung für Radfahrer:

  • durchgezogene Linie: sehr gut bis gut geeignet
  • gestrichelte Linie: gute bis mäßig geeignet
  • gepunktete Linie: schlecht geeignet.

Nicht empfohlene Straßen sind nicht gekennzeichnet.

Straße oder Radweg

Die Linien werden wiederum nach Dicke unterschieden. Dicke Linien beziehen sich auf komplette, besonders für Fahrradfahrer empfohlene Straßenzüge. Gibt es Radwege, werden diese durch dünne Linien dargestellt. (Selbst wenn der Radweg nicht benutzungspflichtig ist und die Straße besser geeignet wäre!)

Bezirksübergreifende Radrouten

Bezirksübergreifende Radrouten sind durch eine weitere Linie dick und grün gestrichelt. Außerdem werden thematische Radwege wie der Mauerradweg (M) oder Radfernwege wie der Europaradweg R1 (R1) gesondert gekennzeichnet.

Wirrwar der Linien

Mein erstes Problem war, mich in dem Wirrwar der tlw. nebeneinanderliegenden Striche zu orientieren. Schließlich fand ich die bezirksübergreifende Radroute, die mich erst einmal von der Hasenheide bis zum Teltowkanal führte. (Den Rest der Strecke konnte ich ohne Karte finden.) Die vorgeschlagene Route durch die Hasenheide und über die Emser Straße hat mir gefallen. Gut ausgewählt!

Zu kleiner Maßstab

Das Problem: Der Maßstab ist so klein, dass ich die Straßennamen nicht immer entziffern konnte. Nur deswegen habe ich mich leider mehrfach verfahren. (Ich hatte mich beim Straßennamen verlesen.)

Unpraktisch finde ich auch das große, unhandliche Format der Karte. Ein kleiner handlicher Atlas, beispielsweise im Ringbuchformat, wäre mir lieber gewesen. Schließlich habe ich die Karte halb aufgeschlagen auf meinen Fahrradkorb gelegt. Das schwere Bügelschloss zum Beschweren darauf.

Fehler in der Kennzeichnung

Auch habe ich in meinem Kiez schon Fehler in der Kennzeichnung entdeckt. Ausgerechnet der separate Zweirichtungs-Radweg am Adlergestell ab S-Bhf. Grünau in Richtung Schmöckwitz wurde nur als gut bis mäßig eingestuft. Zumindest der Abschnitt zwischen S-Bhf. Grünau und Schappachstraße (ca. 4 Kilometer) ist jedoch ganz hervorragend – breit und mit bestem Asphalt!

Großzügig ausgebauter, schnurgerader Radweg neben dem Adlergestell - bester Belag!

Die “anderen” Radwege in der Waltersdorfer Straße wurden ebenfalls als gut bis mäßig eingestuft. Sie sind mit einer Breite von ca. 1,20 Metern und ihrer Zickzack-Linienführung jedoch denkbar schlecht geeignet. Ich würde von der Benutzung abraten und auf die hervorragend asphaltierte Straße ausweichen.

Fahren im Zickzack: Radweg auf der Waltersdorfer Straße

Fahren im Zickzack: Radweg auf der Waltersdorfer Straße. Der soll gleichwertig sein mit dem oben gezeigten?

Radwege, die keine sind

Außerdem habe ich einige Stellen entdeckt, die einen Radweg suggerieren, der dort gar nicht existiert.

So deutet beispielsweise eine punktierte Linie in der Wendenschloßstr in Richtung Wendenschloss einen Radweg an, den es in dieser Richtung definitiv nicht gibt. (Und die Mitbenutzung des Fußwegs ist erst ab Lienhardstraße gestattet, vorher nicht.)

Hinweise auf Fahrradläden fehlen

Was ich mir noch gewünscht hätte sind Hinweise auf Fahrradläden (falls man mal eine Panne hat). So wie es die Online-Fahrradkarte www.opencyclemap.org macht! Dafür gibt es jedoch eine mehrfach platzierte und kaum übersehbare Reklame für einen nicht näher genannten Fahrradverleih. Auf die hätte ich dagegen gern verzichtet.

Farbliche Gestaltung

Außerdem missfällt mir die wenig konstrastreiche farbliche Gestaltung. Die Fahrradeignung wird in Orange-, Rot- bzw. Grüntönen ausgedrückt. Auch die dicke punktierte Linie zur Markierung der Tarifzonengrenze ist dummerweise ebenfalls orange. Hier droht Verwechslungsgefahr mit einem Radweg.

(Eine eben in der zweiten Auflage erschienene konkurrierende Fahrradkarte vom Bund soll ein etwas eingängigeres Ampel-System verwenden.)

Fazit:

Der ADFC-Fahrradplan ist nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Ich finde den Maßstab zu klein, die farbliche Gestaltung problematisch und das Format unpraktisch. Fehler in der Kennzeichnung deuten darauf hin, dass den Machern an manchen Stellen das Detailwissen fehlt. Trotzdem halte ich einen Fahrrad-Stadtplan prinzipiell für eine sehr gute Sache. Demnächst werde ich das vom Bund herausgegebene Konkurrenzprodukt testen und danach entscheiden, welcher Plan besser ist.

Jofablog-Qualitätsurteil: zufriedenstellend
Preis-Leistungs-Urteil: gut
Antwort auf die “Würde-ich-wieder-kaufen-Frage”: wahrscheinlich nicht.

1 Kommentar zu „ADFC-Fahrad-Stadtplan Berlin im Praxistest“

  • BikeBlogger sagt:

    Kann es wirklich sinnvolle Radkarten für Städte geben? Radfahrer haben – anders als motorisierte Verkehrsteilnehmer – eine weit größere Bandbreite an Bedürfnissen und Eigenschaften. Der Rennradler, der zu seiner Trainingsstrecke fährt, flotte “Mit dem Rad zur Arbeit”-Biker, der BMX-Fahrer, ältere Herrschaften, Trikes, Eltern mit Anhängern … von 10 – 30 km/h Schnitt ist alles dabei.
    Für mich ist generell eine viel befahrene Straße ohne Radwegzwang und gutem Asphalt besser geeignet als eine wenig befahrene Nebenstraße mit Kopfsteinplaster. Die Einstufung der Wege und Straßen ist somit nur bedingt hilfreich.

    Dann stellt sich die Frage, wer heute tatsächlich noch eine gedruckte Radkarte benötigt. Zur Planung gibt es genug Online-Routenplaner (inkl. BBBike.de) mit detaillierten Infos über Straßen und Straßenbelag. Wenn ich dann unterwegs bin und “schnell mal eben” eine Straße suche oder den Anschluss an die Route, die mir bekannt ist, benötige ich keine spezielle Karte, die ich nur mit Mühe deuten kann. Dann greife ich lieber zum “patentgefalteten” Plan, dessen Kartenbild vertraut und gut lesbar ist. Oder ich habe sowieso mein GPS dabei…

    Übrigens besitze ich die ADFC-Karte auch, habe sie aber aufgrund der o.g. Gründe so gut wie nie genutzt. Karten, die die Qualität und Verkehrsdichte von Straßen des Berliner Umlandes zeigen sind da für mich weitaus sinnvoller.

Kommentieren

Mai 2010
M D M D F S S
« Apr   Jun »
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
24252627282930
31  
Kategorien
UserOnline