Fahrradhelm, Foto: Ralf Roletschek

Fahrradhelm, Foto: Ralf Roletschek

… die derzeit hunderte Leser von Spiegel Online umtreibt. Auslöser der Diskussion war der Artikel Helm auf oder Helm ab von Spiegel-Online-Fahrradkolumnist Holger Dambeck. Die gesamte Diskussion können Sie hier verfolgen.

Pro Helm

Viele Diskutanten sind dabei, es war auch gar nicht anders zu erwarten – pro Helm eingestellt. Vehement verteidigen sie ihre Argumente gegenüber „Nicht-Helm-Trägern“ und bauen einen hohen Rechtfertigungsdruck auf. Das geht hin bis zu Beinahe-Beleidigungen. In anderen Ländern hat diese, ich nenne es mal „kollektive Angst“, schon zu entsprechender Gesetzgebung geführt.

Helmpflicht in vielen Ländern

Finnland, Neuseeland (länderübergreifend) und die USA und Australien (in einigen Gebieten) haben die Helmpflicht eingeführt, in Spanien gilt sie außerhalb geschlossener Ortschaften. In Tschechien gibt es eine Helmpflicht für Radfahrer unter 18 und in Schweden für Radfahrer unter 15 Jahre.

Übrigens: Als man die Helmpflicht 1990 und 1991 in Teilen von Australien einführte, erhoffte man sich einen deutlichen Rückgang der Anzahl der Fahrradunfälle. Was deutlich zurückging, war die Anzahl der Fahrradfahrer.

Helm in Holland? Die Ausnahme!

In unserem fahrradfreundlichen Nachbarland sieht man die Sache wesentlich entspannter. In Holland ist der Helm eher die Ausnahme als die Regel. Fahrradfahren ist anscheinend nicht gefährlich. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass das Radfahren hier einen ganz anderen Stellenwert genießt und als etwas Selbstverständliches angesehen wird? Und dass die gesamte Fahrrad-Infrastruktur so sicher ist, dass niemand Angst zu haben braucht?

Sicherer ohne als anderswo mit?

David Hembrow aus Assen, Niederlande, berichtet in seinem Blog über tatsächliche, subjektive und soziale Sicherheit. Bezogen auf Helme und reflektierende Kleidung meint er, dass diese Dinge wenig dazu beitrügen, die tatsächliche Sicherheit zu erhöhen. Sie hätten einen negativen Effekt auf die subjektive Sicherheit und würden dazu führen, dass das Radfahren gefährlich aussehe. Er kommt zu dem Schluss, dass holländische Radfahrer sicherer seien ohne diese Dinge als Radfahrer anderswo mit.
http://hembrow.blogspot.com/2008/09/three-types-of-safety.html

Schulwegsituation in Holland

Erstaunlich fand ich, dass selbst Kinder praktisch keinen Helm beim Radfahren tragen. Hier sieht man die tägliche Schulwegsituation in der niederländischen Stadt Assen (bei -2 Grad Celsius):

Eine Situation wie diese wäre in den meisten anderen Ländern undenkbar! Meine Kinder ohne Helm zur Schule fahren lassen? Das würde ich mir gar nicht trauen! Zu groß wäre die Sozialkontrolle durch die anderen Eltern, zu groß der Rechtfertigungsdruck. Zu groß die Angst und Sorge.

9 Kommentare zu „Helm oder nicht? Das ist die Frage …“

  • Jens says:

    Habe bei meinen Eltern gerade zwei Radwanderführer, von 1989 und 1998 gesehen. Auf den Fotos ist kein einziger Helm zu sehen. Nichtmal die Ausnahme, das gab es einfach nicht.

    Und heute machen sich die Leute schon solcherart: „Meine Kinder ohne Helm zur Schule fahren lassen? Das würde ich mir gar nicht trauen! Zu groß wäre die Sozialkontrolle durch die anderen Eltern, zu groß der Rechtfertigungsdruck. Zu groß die Angst und Sorge.“ in die Hose … Wer solche Eltern hat, ist echt arm dran. Wenn die wenigstens dran glauben würden – aber wenn ihr Kind zu etwas zwingen, weil sie selbst kein Rückgrat haben? Mann, ist das armselig …

    Zu Holland: Dafür ist da ja anscheinend die Radwegpest allgegenwärtig …

  • Roland says:

    Ich trage mich seit einiger Zeit mit dem Gedanken, ob ich mir einen Fahrradhelm zulegen sollte. Vieles spricht allerdings m.E. dagegen (u.a. Komforteinschränkung, fehlender/mangelnder wissenschaftlicher Wirkungsnachweis). Ein umsichtiges Fahren ist sicherlich viel wichtiger, um Unfälle und ihre Folgen zu vermeiden. Aber in meinem Freundeskreis stoße ich auf die von Dir erwähnte Reaktion. Es sei verantwortungslos und viel zu gefährlich, ohne Helm zu fahren, heißt es dann immer. Eine sachliche Auseinandersetzung ist dabei nicht möglich, weil abzuwägende Argumente gegen einen Helm nicht zugelassen werden.

  • Thorsten says:

    Hallo Roland,
    ich bin im Oktober auf dem Weg zur Arbeit mit dem Rad gestürzt. Und zwar so unvermittelt, dass ich keine Chance mehr hatte mich irgendwie abzustützen. Der behelmte Kopf schlug dabei auf’s Pflaster. Die Folge: eine angebrochene Rippe, leichte Abschürfungen und ein kaputter Helm! Die Styroporschale war zerbrochen und wurde nur noch durch den Kunststoffüberzug zusammengehalten. Verletzungen am Kopf: keine! Ohne Helm wäre das sicher anders ausgegangen.
    An dieser Stelle noch ein Hinweis auf die Guten Crash-Replacement-Programme einiger Hersteller: Neuer Helm für den halben Preis bei Unfallschaden!
    Für mich gilt daher noch mehr als bisher: Nur mit Helm auf’s Rad!

    Grüße
    Thorsten

  • @Jens

    Zu Holland: Dafür ist da ja anscheinend die Radwegpest allgegenwärtig …

    Du – bei solchen Radwegen lasse ich mir diese „Pest“ gern gefallen. Sehr breit, oft tauglich für das Radeln nebeneinander. Meist hervorragender Belag. Oft auf direkteren Routen als die Straße. Häufig Priorisierung bei Kreuzungen, z.B. durch Vorfahrtsregelungen, Vorrangschaltungen oder sogar Fahrradbrücken bzw. -tunnel. Im Winter gut geräumt.

    Kein Wunder, dass manche Gegenden in unserem Nachbarland Radfahreranteile von 40% und darüber erzielen. (Berlin liegt nur bei 10%.)

    Eine gute Bekannte, die dort gelebt und gearbeitet hat, schwärmt immer noch: „Mit fröhlichen Menschen zusammen zur Arbeit radeln – gute Stimmung – also ob jeden Tag Fahrraddemo wäre.“

  • MichaN. says:

    @Roland:fehlender/mangelnder wissenschaftlicher Wirkungsnachweis). Ein umsichtiges Fahren ist sicherlich viel wichtiger.
    Mein Reden: die klassische Verletzung bei einem Sturz vom Rad ist die“ AC Sprengung“(ein derbes Sehnenband am Übergang vom Oberarmknochen zur Schulter)Nicht die Schädelfraktur! Statistisch brechen sich viel mehr Menschen den Schädel z.B. beim Sturz auf einer Treppe! Wie wärs denn dann mit „Treppenhelmen“?
    Für Kinder die in der Großstadt radeln ist ein Helm ein Muß; wenn der denn auch richtig paßt.Leider sieht man immer wieder das eine dicke Mütze unter den sowieso schon zu großen Helm (die wachsen da schon rein…)gezogen wird.
    Ich hab mich in meinem Radlerleben schon manchesmal auf die Fresse gelegt, aber einen Helm trage ich immer noch nicht; einfach aufpassen heißt für mich die Deviese!

  • […] der Aktion von Spiegel Online wurden diesmal die Leser des Tagesspiegels aufgerufen, über Pro und Contra zu diskutieren. Und […]

  • Ari says:

    Die Argumente sind immer die gleichen. Die Befürworter argumentieren sich mittlerweile im Rausch des Mainstreams in eine Position in der mit normalem Selbstbewustsein ausgestattete Menschen nichts mehr entgegenzusetzen haben. Wissenschaftlich fundierte Gegenargumente wie die Risikokompensation bei Helmträgern haben da auch keine Chance.
    Und auch die Helmpflicht für Kinder in der Großstadt halte ich für Blödsin vor allem wenn die Eltern den Nachwuchs jedes Mal mit mehr oder weniger Gewalt und bei jedem Wetter in den ach so wichtigen Helm zwingen.
    Fahrradfahren sollte nämlich zuallererst eines und zwar Spass machen.
    Und wenn das Kind partout keinen Helm aufsetzen will dann soll es eben ohne fahren! Mir ist es lieber, dass die Kinder mit freude Radfahren als dass ich ihnen die Freude daran – vielleicht für ihr ganzes Leben – verderbe nur um das letzte klitzekleine Lebensrisiko auch noch gegen Null streben zu lassen.
    Andersherum betrachtet kann man sich auch die Frage stellen warum das Helmtragen der Kinder für viele Eltern jedesmal in Krieg ausartet.
    Kinder wissen sehr wohl, was gut aussieht und sich bequem trägt! Die Sicherheit steht für die Kinder erstmal ganz hinten an. Wenn der Helm bequem zu tragen ist, schick aussieht und die Spielkameraden vielleicht auch noch sagen: Mama ich will auch so einen“ braucht über die kindliche Helmpflicht nicht mal mehr gesprochen werden.
    Helmtragen wird dann zum Selbstläufer. Das Strassenbild wird aber durch gut getestete Helme vom Discounter geprägt statt durch Helme mit etwas Schick ( Beispiel: http://www.durst-helme.de Kinderhelmserie LittleNutty ) die die Ansprüche der Kinder oftmals weit besser erfüllen als der Einheitsbrei.
    Mündige Erwachsene hingegen sollten aber eigentlich in der Lage sein für sich eine Entscheidung zu treffen. Und wenn die Entscheidung „Kein Helm“ gefallen ist – aus welchen Gründen auch immer – dazu stehen, selbst wenn sie nur das Argument „Keine Lust zum Helmtragen“ vorzubringen haben.

  • Thorsten says:

    Hallo zusammen,
    ich denke dass das Problem mit den Kindern die keinen Helm aufsetzen wollen mal wieder an uns Erwachsenen liegt. Denn wenn es für alle völlig selbstverständlich ist, dass man einen Helm trägt, stellt sich für die Kinder die Frage überhaupt nicht.
    Das ist wie beim Autofahren mit dem Gurt. Für alle die das ohne Anschnallen nicht mehr kennen ist das selbstverständlich und heute stellt dort auch niemand die Notwendigkeit in Frage. Also Erwachsene: Schüssel auf die Rübe! Wenn schon nicht für die eigene Sicherheit, dann wenigstens als Vorbild.

    Grüße
    Thorsten

  • fahrrad airbag hövding says:

    Ich denke so einfach ist das nicht zu beantworten. Sicher ist der Helm ein Sicherheitsmerkmal welches deutlich mehr Schutz bringt. Die Frage ist aber auch wodurch denn so viele Unfälle entstehen. Ist wirklich der Radfahrer selbst Schuld oder sollte man eher an anderer Stelle ansetzten. Diese Diskussion wird wohl noch einige Zeit so weiter gehen. Man sollte aber auch an die Alternativen denken wie den Airbag Helm von Hövding, welcher sogar noch sicherer ist als ein Helm.

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